Barrierefreiheit 2025: BFSG/EAA für Websites & digitale Produkte – Praxisleitfaden
Seit dem 28. Juni 2025 gilt in Deutschland das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) als Umsetzung des European Accessibility Act (EAA). Dieser Leitfaden erklärt, wen die Vorgaben betreffen, was konkret für Websites/Apps zu tun ist – und wie du mit einem klaren Plan schnell compliant wirst. Mit Checklisten, Mini-Vergleichstabellen und Tipps aus Projekten.
Lesedauer: 18–22 Minuten
Kurzfazit (TL;DR)
- Das BFSG verpflichtet viele B2C-digitale Produkte/Dienste zu Barrierefreiheit (u. a. Web, Apps, E-Commerce).
- Orientierung liefert EN 301 549 (bzw. WCAG 2.1/2.2 AA) – praktisch: robustes HTML, klare Struktur, Kontraste, Tastaturbedienung, verständliche Formulare.
- Prozess schlägt Einmalmaßnahme: Accessibility-by-Design, Rollen, Tests (automatisiert + manuell) und kontinuierliches Monitoring.
- Business-Wert: geringeres rechtliches Risiko, mehr Conversions & bessere SEO/UX.
1) Was regeln BFSG & EAA – und wen betrifft das?
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) setzt den European Accessibility Act (EAA) in Deutschland um. Es adressiert vor allem verbrauchergerichtete digitale Produkte und Dienste: E-Commerce-Websites/Apps, E-Book-Leser, Banking, Kommunikationsdienste, Selbstbedienungsterminals u. a. Ziel ist, Barrieren abzubauen, damit Menschen mit Behinderungen digitale Angebote gleichberechtigt nutzen können – ohne Speziallösungen. Für neue Produkte und Dienste gelten die Anforderungen ab dem 28. Juni 2025; es gibt Übergangsregelungen für ältere Verträge/Bestandsgeräte.
Für Website-Betreiber heißt das: Wer Verbraucher adressiert, muss Barrierefreiheits-Anforderungen erfüllen. In der Praxis orientiert man sich an EN 301 549 und den WCAG-Erfolgskriterien. Die Details hängen vom Angebot ab – doch die Grundprinzipien (wahrnehmbar, bedienbar, verständlich, robust) sind übertragbar.
Zusammenfassung
Wer muss handeln – und ab wann?
| Bereich | Gilt für | Ab wann? |
|---|---|---|
| Websites/Apps (B2C) | Shops, Buchung, Banking, Kundenportale | Seit 28.06.2025 (Übergänge möglich) |
| Geräte/Terminals | z. B. Geldautomaten, Ticketautomaten | Je nach Bestand/Vertrag |
| Dokumente/Medien | Produkt-/Vertragsinfos, Bedienhilfen | Mit Markteintritt/Update |
2) WCAG/EN 301 549 in der Praxis: Was bedeutet „AA-Niveau“ konkret?
Die WCAG strukturieren Barrierefreiheit in Prinzipien und Erfolgskriterien. Für Websites heißt AA grob: gute Kontraste (Text/Bilder), skalierbare Textgrößen, Tastaturbedienung ohne Fallen, sichtbare Fokus-Stati, verständliche Formulare (Labels, Fehlermeldungen, Hilfen), Alternativen für Medien (Alt-Texte, Untertitel, Transkripte) und robustes HTML (semantische Elemente, sinnvolle ARIA). Dazu kommen Anforderungen wie reflow, timeouts, orientation und – in WCAG 2.2 – focus appearance und dragging.
Wichtig ist der Prozess: Barrierefreiheit ist kein Sprint, sondern Teil der Produktentwicklung. Styleguide/Design-Tokens, Komponentenbibliothek, Code-Reviews, Test-Setups und Schulungen sorgen dafür, dass Standards nicht nur einmalig, sondern dauerhaft eingehalten werden.
Zusammenfassung
AA-Kernanforderungen kompakt
| Bereich | Pflicht | Quick-Win |
|---|---|---|
| Kontraste | 4.5:1 (Text), 3:1 (Large) | Design-Tokens + Tests (WCAG-Checker) |
| Tastatur | Alles bedienbar | Skip-Links, sichtbarer Fokus |
| Formulare | Labels, Fehlerhinweise | ARIA-Deskriptoren, Live-Regionen |
| Medien | Alt/Untertitel/Transkript | Transkript-Workflow |
3) Accessibility-by-Design: Rollen, Abläufe, Dokumentation
Setze Barrierefreiheit bereits im Briefing auf die Agenda. Definiere Rollen (Produkt, Design, Dev, QA), vereinbare Definition of Done mit A11y-Kriterien und pflege einen lebenden Styleguide. Bibliotheken mit zugänglichen Komponenten (Buttons, Form Controls, Dialoge, Tabs, Tabellen) sind der Turbo: Einmal sauber gebaut, überall sicher genutzt. Dokumentiere Muster (Keyboard-Flow, Fokusreihenfolgen, ARIA-Zustände) und halte sie in Code-Beispielen fest.
Plane Schulungen für Redaktion/Support: Alternativtexte, Überschriften, Tabellen, Linktexte, Untertitel/Transkripte. Gute Inhalte sind ein A11y-Hebel – schon vor dem ersten Zeile Code.
Zusammenfassung
Prozess-Bausteine
| Baustein | Ziel | Artefakt |
|---|---|---|
| Definition of Done | A11y-Kriterien pro Task | Checkliste im Ticket |
| Komponenten | Wiederverwendbarkeit | Dokumentierte Patterns |
| QA | Frühe Fehlerfindung | Autom. + manuelle Tests |
4) Quick Wins: Semantik, Formulare, Medien
Semantik: Nutze echte HTML-Elemente (h1–h6, p, ul/ol/li, table, button). Überschriften-Hierarchie
muss logisch sein; keine Sprünge. Formulare: Jedes Input benötigt ein , Fehler
müssen verständlich und programmatisch erkennbar sein (ARIA-Deskriptoren), Hilfetexte gehören in die Nähe
des Felds. Medien: Sinnvolle Alt-Texte (keine Keyword-Füllung), Untertitel/Transkripte für Videos,
Audio-Beschreibungen, falls nötig.
Keyboard: Fokusreihenfolge logisch, sichtbare Fokus-Stati, keine „Keyboard-Fallen“. Kontraste:
Tokens in der Design-System-Palette definieren, damit kein „grau auf hellgrau“ passiert. Tabellen:
Kopfzellen mit scope auszeichnen, Zusammenfassungen/Caption sinnvoll nutzen.
Zusammenfassung
Quick-Win-Matrix
| Bereich | Maßnahme | Impact |
|---|---|---|
| Semantik | Echte HTML-Elemente, korrekte Rollen | Robust für AT/SEO |
| Formulare | Labels, Fehlertexte, ARIA-Deskriptoren | Weniger Abbrüche |
| Medien | Alt-Texte, Untertitel, Transkripte | Mehr Reichweite |
| Keyboard | Sichtbarer Fokus, Skip-Links | Bedienbarkeit |
5) E-Commerce & Spezialfälle: Filter, Produktinfos, Checkout
Filter/Facetten: Steuerung per Tastatur, States programmatisch erkennbar (ARIA-Pressed/Selected), Live-Regionen für Ergebnisänderungen. Produktseiten: Strukturierte Infos (Preis, Varianten, Lieferzeiten), eindeutige Buttons (Add to Cart), sinnvolle Alternativtexte, Zoom/Ansicht ohne Maus nutzbar. Checkout: klare Reihenfolge, evidente Labels, Fehlerhinweise in Klartext (nicht kryptisch), Eingaben persistent halten, wenn ein Schritt fehlschlägt, und ausreichend Zeit geben.
Bonuspunkte: Wunschlisten/Später-kaufen, barrierearme Promotions (keine animierten Overlays ohne Steuerung), performante Seiten (CWV helfen auch A11y), und transparente Kundenkommunikation (z. B. Versand/Retouren).
Zusammenfassung
E-Commerce-Schwerpunkte
| Schritt | A11y-Anforderung | Praxis-Hinweis |
|---|---|---|
| Filter | Tastatur/Screenreader-Kompatibilität | Rollen/ARIA + Live-Region |
| PDP | Struktur, Alt-Texte, Buttons | Info-Blöcke, klare CTAs |
| Checkout | Labels, Fehler, Zeit | Eingaben beibehalten |
6) Dokumente & PDFs: Häufiger Knackpunkt – so löst du ihn
PDFs sind oft nicht barrierefrei. Lösungswege: Web-First (Content als HTML), nur wenn nötig PDF – dann mit Tags, Lese-Reihenfolge, Alternativtexten, richtigen Überschriften und Formularfeldern. Für bestehende PDFs: priorisiere die „kritischen“ (z. B. Preisinformationen), stelle Übergangsweise HTML-Versionen bereit und plane mittelfristig eine Reduktion der PDF-Flut.
Denke an Medien-Alternativen (Untertitel/Transkripte) und an barrierearme Downloads (Dateinamen, Größen, Format-Hinweise). Dokumentiere, was schon compliant ist – und was wann umgestellt wird.
Zusammenfassung
PDF-Strategie
| Fall | Empfehlung | Begründung |
|---|---|---|
| Neue Inhalte | HTML + optional PDF | Bedienbarkeit + SEO |
| Alt-PDFs | Priorisieren & nachrüsten | Risikosenkung |
| Pflichtdokumente | Getaggt, getestet | Rechtssicherheit |
7) Test-Stack: Automatisiert, manuell, Assistive Technologien
Automatisiert: Linter/Build-Checks (HTML-Validität), Lighthouse/Axe für schnelle Hinweise. Manuell: Tastatur-Rundgang, Fokus-Verfolgung, Screenreader-Smoke-Tests (NVDA, VoiceOver). Assistive Technologien: Tests in typischen Browser/AT-Kombinationen. Wichtig: keine Checkbox-Mentalität – die Kriterien sind Leitplanken, entscheidend ist die reale Nutzbarkeit.
Dokumentiere Tests als lebende Artefakte (Checklisten, Screencasts, Tickets) und verknüpfe sie mit deiner Komponentenbibliothek. So bleibt Wissen im Team – und neue Kolleg:innen sind schneller produktiv.
Zusammenfassung
Test-Mix
| Testart | Ziel | Werkzeuge |
|---|---|---|
| Automatisiert | Schnelle Regressionen | Lighthouse, Axe |
| Manuell | Realitätscheck | Tastatur-Walkthrough |
| Assistiv | Kompatibilität | NVDA, VoiceOver |
8) Recht, Risiko & Kommunikation: So bleibst du gelassen
Halte fest, was du tust: Konzept, Styleguide, Komponenten, Testprotokolle, Release Notes. Transparenz hilft intern wie extern. Kommuniziere Verbesserungen auch öffentlich (Change-Logs, A11y-Seite) – das baut Vertrauen auf und motiviert dein Team. Bei unvermeidlichen Übergangsphasen (z. B. PDF-Altlasten) hilft ein Plan mit Terminen.
Rechtliche Beratung ersetzt das nicht – aber eine solide Dokumentation und sichtbare Fortschritte senken das Risiko deutlich. Und: Barrierefreiheit ist kein „Pflichtprogramm“. Sie verbessert die User Experience insgesamt – und macht deine Seite schneller, klarer und inklusiver.
Zusammenfassung
Kommunikations-Checklist
| Punkt | Inhalt | Medium |
|---|---|---|
| A11y-Seite | Stand, Ziele, Kontakt | Website |
| Release Notes | Verbesserungen | Blog/Changelog |
| Support | Meldungen/Feedback | Formular/E-Mail |
9) 30/60/90-Tage-Plan: Struktur statt Stress
30 Tage: Audit (Kontraste, Tastatur, Formulare, Medien), Quick-Wins, Styleguide-Tokens, Komponenten-Prioritäten, PDF-Bestandsaufnahme.
60 Tage: Komponenten hart machen (Dialoge, Tabs, Tabellen), Schulungen, Test-Stack (autom./manuell/AT) einführen, E-Commerce-Spezialfälle anpacken.
90 Tage: PDFs reduzieren/nachrüsten, Monitoring etablieren, A11y in DoD integrieren, öffentlich kommunizieren (A11y-Seite/Changelog).
Zusammenfassung
Roadmap auf einen Blick
| Zeitraum | Fokus | Ergebnis |
|---|---|---|
| 0–30 Tage | Audit + Quick-Wins | Sichtbare Verbesserungen |
| 31–60 Tage | Komponenten + Tests | Stabile Basis |
| 61–90 Tage | PDFs + Monitoring | Dauerhafte Compliance |
Barrierefrei – und besser für alle.
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